Vita

Meine Lebensgeschichte hat nicht zwingend hergegeben, dass ich mich für die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung interessieren würde. Ich habe noch vor Vollendung des 18. Lebensjahres alleine gelebt und zuvor vielfach familiär bedingte Wohnortwechsel in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein erlebt.

Nicht selten erklärten mir Lehrende während meiner Schullaufbahn, dass aus Menschen wie mir nichts werden könne. In meiner Jugend hat es verschiedene Phasen gegeben, die mich auf einen vermutlich weniger erfolgreichen Weg gebracht hätten. Aber schließlich ging ich stets mit dem Anspruch hervor, mehr erreichen zu wollen, als mir teils zugetraut wurde. Während der Schulzeit habe ich über die Koordination bei „Schüler Helfen Leben“ erste Kontakte in die politische Sphäre gehabt und über die Schüler*innenvertretung dazu beigetragen, dass der Samstagsunterricht abgeschafft wurde –  was damals so ziemlich das Großartigste war, das jemals jemand hätte erreichen können.

Mein Abitur habe ich mir finanziell mit Aushilfsttätigkeiten im Kino und in einem Technoclub ermöglicht und dann voller Begeisterung festgestellt, dass mir 550€  Bafög monatlich zustehen, allein, um mich damit zu befassen, was mich wirklich interessiert. Ich zog an den denkbar südlichsten Ort: Göttingen und studierte, was mir am unbekanntesten erschien: Arabisch. Da ich leider nicht den NC für das Politikstudium hatte, besuchte ich Veranstaltungen interessehalber und studierte im Nebenfach Ethnologie und Geschlechterforschung. Infolge erbrachter Leistungen erhielt ich nachträglich eine Zulassung für Politikwissenschaft und entschied, das gut unterbringen zu können, indem ich einen weiteren Studiengang mit dem Fach Iranistik eröffne. Aller Kritik zum Trotz führten die Studienleistungen dazu, dass mich die Studienstiftung des Deutschen Volkes aufnahm und ich die Möglichkeit erhielt, nicht nur fünf Fächer zu studieren, sondern auch diverse Auslandsaufenthalte zu finanzieren. Das Studium, insbesondere das Leben im Nahen Osten, beispielsweise im Beiruter Orient-Institut, hat für mich die maßgebende Erkenntnis gebracht, dass Menschen unter widrigsten Umständen noch kreativ kulturschaffend, fröhlich und sehr sozial agieren, auch wenn ein Panzer vor der Tür steht, der Weg zum Club an vier bewaffneten Kontrollen vorbeiführt und Maschinengewehre beim Einkaufen und vor Schulen präsent sind. Diese Erfahrungen haben mir aber auch stets bewusst gemacht, wie sehr es lohnt, für ein stabiles System und Demokratie zu kämpfen.  

Nebenbei wuchs ich seit 2003 bei den Göttinger Grünen in die Parteistrukturen, lernte Flügel kennen und Machtspielchen und hatte bei all dem doch große Freude, als junge Frau ernst genommen in politisches Geschehen eingreifen zu dürfen. Im Kreisvorstand machte ich erste Erfahrung in konkreter Parteiarbeit. Göttingen war schon damals ein Ort, an dem uns viele Stimmen zufielen, der Wahlkreis von Jürgen Trittin und mit einer sehr großen, aktiven Mitgliederbasis. Auf Anfrage von der Europaabgeordneten Rebecca Harms verschlug es mich 2005 für ein halbes Jahr nach Brüssel. Dort lernte ich meinen Co-Praktikanten Jan Philipp Albrecht kennen. Etwas Zeit ging ins Land, ich beendete beide Magisterstudiengänge in der Regelstudienzeit und erhielt dafür noch einen gut dotierten Wissenschaftspreis, der mir meine eigene Familiengründung finanziell erleichterte.

Zur Europawahl 2009, als ich mich in Yale um eine Promotionsförderung bewarb, tauchte der von Visionen getriebene Jan Philipp Albrecht auf mit der Idee, in Europa für einheitliche Datenschutzregeln zu kämpfen, bevor die Industrie die Maßstäbe setzte. Gefühlt kurze Zeit später und vom intensiven Wahlkampf geschunden waren wir in seinem Abgeordnetenbüro erneut zusammen in Brüssel, arbeiteten Tag und Nacht und er wurde nach kurzer Zeit zum Berichterstatter der Europäischen Datenschutzgrundverordnung ernannt. Nach „nur“  8 Jahren durften wir dann 2018 feiern, dass wir mit unserem Team wirklich einen weltweiten Standard im Interesse der Bürger*innenrechte gesetzt hatten. Währenddessen wechselte ich aus dem Brüsseler Büro in den Hamburger Wahlkreis, um in die Partei und die Öffentlichkeit für diese Themen zu werben. 

Sicher weiß ich, wie viel Zeit politische Ziele beanspruchen können und wie Kompromisse zu erarbeiten sind.

Meine Promotion zum Thema „Schiitische Netzwerke in der Diaspora“ habe ich zugunsten meiner politischen Tätigkeiten abgebrochen, als ich 2017 auf Platz 3 der Grünen Landesliste für den Bundestag kandidierte. Über die vergangenen Jahre habe ich als Kreisvorsitzende im schönen Bergedorf und Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Demokratie und Recht versucht, ehrenamtlich meinen eigenen politischen Interessen nachzugehen und so viele tolle Menschen mit Visionen getroffen, dass es mich immer bestärkt hat, hier Zeit sinnvoll investiert zu haben.

Als Robert Habeck seinen Ministerposten in Kiel aufgab, um in den Grünen Bundesvorstand zu gehen, wurde Jan Philipp Albrecht über seinen Bezug zum Wahlkreis dessen Nachfolger und ich hatte die Ehre, ihn ins Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und Digitalisierung (Atomaufsicht fehlt im Namen) zu begleiten. Der Blick in die Verwaltung und auf die Mechanismen einer Landesregierung waren bei all der Anstrengung, die tägliches Pendeln so mit sich bringen, eine große Bereicherung. Man versteht, was passiert, wenn engagierte Ideen auf überlastete Strukturen treffen und übt sich in Vermittlung. Obwohl ich als politische Koordinatorin entscheidende Möglichkeiten hatte, politisch zu gestalten, habe ich mich 2019 entschieden, selbst für die Bürgerschaft zu kandidieren. Ich möchte mit meinen eigenen Positionen vortreten, weil ich glaube, dass die Zeiten selten politischer waren als jetzt und weil ich in dieser Krisensituation meine Erfahrungen einbringen und noch stärker Verantwortung übernehmen möchte.

Die Bekämpfung struktureller Benachteiligung von Frauen und der latenten Bedrohung durch faschistische Ideologien sind für mich nach wie vor Motor meines politischen Handelns. Ich liebe es, für Menschen- wie Bürger*innenrechte an der Seite anderer gesellschaftlicher Akteur*innen zu streiten. Bei all dem schlägt mein Herz natürlich Grün, denn es gilt beständig: Umwelt ist nicht alles, aber ohne Umwelt ist alles nichts!

Politik ist für mich seit vielen Jahren Teil meines Alltags und der Anspruch, diese Gesellschaft positiv weiterentwickeln zu dürfen, motiviert mich stetig. Ich bin begeistert vom Leben und hoffe, dass meine Lebensfreude ansteckend ist in all meinem Tun. Wenn Politik mal nicht im Fokus ist, kommt zwar Sport nicht über das nötige Maß vor, aber ich liebe es, unter Menschen zu sein, auf Konzerte zu gehen oder die Natur zu erleben.

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